Diagnostik und Behandlung komplexer dissoziativer Störungen

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Wie wird die Diagnose eine schweren dissoziativen Störung gestellt?

Die Diagnose einer schweren dissoziativen Störung kann auf unterschiedliche Art und Weise gestellt werden. Grundlage bzw. Ausgangspunkt für die Diagnostik sind immer entweder die Schwierigkeiten oder Symptome, über die Sie Ihrer ÄrztIn oder Ihrer TherapeutIn berichten oder Dinge, die der ÄrztIn oder TherapeutIn im Kontakt mit Ihnen auffallen. Dabei sind unterschiedliche Ausgangspunkte möglich:

  • Sie berichten am Anfang oder während der Behandlung über ausgeprägte dissoziative Symptome (z.B. häufige Gedächtnislücken im Alltag, dass Sie sich irgendwo wiederfinden, ohne zu wissen, wie Sie dorthin gekommen sind, das Gefühl, dass Sie sich selbst wie von außen beobachten, dass Sie häufig Ihren Körper nicht spüren können etc.)

  • Der TherapeutIn / ÄrztIn fallen im Kontakt mit Ihnen Hinweise auf dissoziative Symptome auf (z.B. dass Sie in den Sitzungen immer wieder Erinnerungslücken haben oder "den Faden zu verlieren scheinen", kurzfristige aber auffällige Wechsel in Ihrem Verhalten oder dass sie manchmal einfach nur vor sich hinzustarren scheinen und innerlich "gar nicht da zu sein scheinen" etc.)

All diese Punkte können auf eine komplexe dissoziative Störung hindeuten, müssen es jedoch nicht. Daher ist eine genauere Diagnostik wichtig. Hierfür gibt es zwei Möglichkeiten, die sich gegenseitig ergänzen können.

Im Bereich der klinischen Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie werden Diagnosen meistens auf der Basis des klinischen Eindrucks gestellt. Das bedeutet, dass die TherapeutIn Sie genau nach Ihren Symptomen und Schwierigkeiten befragen wird. Wichtige Fragen sind dabei z.B.:

  • Was für Symptome liegen vor?

  • Wie zeigen sich diese in Ihrem Alltag?

  • Wann und wie oft treten sie auf?

  • Gibt es äußere oder innere Auslöser für die Symptome?

  • Wie lange halten sie an?

  • Gibt es Beeinträchtigungen in wichtigen Lebensbereichen wie z.B. in sozialen Beziehungen, bei der Arbeit etc.

  • Wann traten die Symptome erstmals auf und wie ist der Verlauf?

  • Gibt es Hinweise auf eine organische Erkrankung, die Ihre Symptome verursachen könnte?

Wichtig sind außerdem Informationen über Ihren persönlichen Hintergrund:

  • Wie ist Ihre aktuelle Lebenssituation?

  • Wie sind Sie groß geworden (familiärer Hintergrund, gibt es Geschwister, Atmosphäre in Ihrer Familie etc.)

  • Gab es im Laufe Ihres Lebens besondere Belastungen?

  • Leiden Mitglieder Ihrer Familie an psychischen Auffälligkeiten oder Störungen?

  • Wann und weswegen haben Sie erstmals psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfe gesucht?

  • Gibt es Vordiagnosen und/oder Vorbehandlungen? Wenn ja, welche Störungen wurden diagnostiziert, wie und wo wurden Sie behandelt, wie war der Erfolg?

Auf der Basis dieser oder ähnlicher Informationen kommt die TherapeutIn zusammen mit ihrer klinischen Erfahrung und mit dem Eindruck, den sie aus dem Gespräch mit Ihnen hat, zu einer diagnostischen Einschätzung. Gerade bei schweren dissoziativen Störungen sind die diagnostische Einschätzung und die Abgrenzung zu anderen Störungsbildern jedoch oft nicht einfach, da oft viele Begleitsymptome vorliegen und/oder da manche Störungen sehr ähnliche Symptome haben und sich teilweise überlappen.


Ein wichtiges Hilfsmittel zur Diagnostik und Abgrenzung von dissoziativen Störungen ist die sogenannte standardisierte Diagnostik, bei der man mit Fragebögen oder vorgegebenen Gesprächsleitfäden ("diagnostische Interviews") arbeitet. Hierbei gibt es zwei Arten von Instrumenten:

Screeninginstrumente sind Fragebögen, mit denen man sich einen Überblick über das allgemeine Ausmaß an vorliegenden Symptomen verschaffen kann. Meistens werden Symptome vorgegeben, und Sie werden gebeten, einzuschätzen, ob und ggf. wie häufig die jeweiligen Symptome bei Ihnen auftreten. Mit diesen Instrumenten wird ermittelt, ob die Symptomatik bei Ihnen so stark ausgeprägt ist, dass ein erhöhtes Risiko für das Vorliegen einer schweren dissoziativen Störung besteht. Ist dies der Fall, sollte sich eine genauere klinische oder standardisierte Diagnostik anschließen, um zu prüfen, ob wirklich eine DIS oder eine DDNOS vorliegt.

Hierzu können z.B. strukturierte Gesprächsleitfäden bzw. diagnostische Interviews zum Einsatz kommen. Die TherapeutIn wird sie sehr systematisch nach verschiedenen Formen von möglichen dissoziativen Symptomen befragen, wird Sie bitten, ggf. Beispielsituationen zu beschreiben und/oder Sie nach Häufigkeit, Dauer und lebensgeschichtlichem Verlauf der Symptome befragen.

Für jede psychische und körperliche Störung bzw. Erkrankung gibt es international verbindliche Diagnosekriterien, die erfüllt sein müssen, damit die jeweilige Diagnose vergeben werden darf. Die strukturierten Gesprächsleitfäden bzw. Interviews sind an die Diagnosekriterien für psychische Störungen aus den internationalen Diagnosehandbüchern angepasst und erleichtern so durch ihren systematischen Aufbau und durch vorgegebene Auswertungsrichtlinien die diagnostische Einordnung und Abgrenzung der von Ihnen beschriebenen Symptome. Die Interviews haben außerdem den Vorteil, dass sie einen sehr guten und breiten Eindruck über vorliegende Symptome erbringen, der auch wichtige Hinweise für die Behandlungsplanung geben kann.

   
 
 
 
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