Diagnostik und Behandlung komplexer dissoziativer Störungen

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Behandlungsphase II: Traumabearbeitung

Wenn es im Laufe der Behandlung zu einer deutlichen psychischen Stabilisierung gekommen ist und wenn sichergestellt ist, dass die Betroffenen keinen akuten Traumatisierungen mehr ausgesetzt sind, kann über einen Übergang zur Trauma-Bearbeitungsphase nachgedacht werden.

Voraussetzung dafür ist neben den beiden genannten Punkten auch, dass eine gute Kommunikation und Interaktion zwischen den dissoziierten Persönlichkeitsanteilen besteht und dass man in der Therapie gelernt hat, posttraumatische und dissoziative Symptome zumindest bis zu einem gewissen Punkt zu kontrollieren und traumatische Erinnerungen bewusst hervorzuholen und genauso bewusst wieder "wegpacken" zu können.


Traumakonfrontation

Ein wichtiges Element der Traumabearbeitung ist die sogenannte Traumakonfrontation. Traumakonfrontation bedeutet, sich in einem gut strukturierten Rahmen in der Erinnerung noch einmal ganz genau anzusehen, was während des Traumas passiert ist, z.B.:

  • Wer war beteiligt?

  • Wer hat was gesagt, getan etc.

  • Was habe ich dabei gefühlt?

  • Was habe ich gedacht?

  • Was habe ich körperlich gespürt?

Wichtig ist, dass die Traumakonfrontation in kleinen, bewältigbaren Schritten erfolgt. Zur Traumakonfrontation kommen meist spezielle Techniken wie z.B. die sogenannte "Screen-Technik" (sich das Geschehen wie von außen bzw. als "Film" auf einer imaginären Leinwand oder wie ein "Video" in einem Fernseher anschauen) oder Eye Movement Desensitization and Reprocessing EMDR (gelenkte Augenbewegungen oder andere Formen gelenkter Stimulationen, während man sich innerlich auf das Trauma konzentriert) zum Einsatz.

Die einzelnen Trauma-Sequenzen, denen man sich zuwendet, sollten einen klar definierten Anfang und ein klar definiertes Ende haben und auch die einzelnen Traumakonfrontationen sollten sehr gut strukturiert werden und ein klares Ende haben (z.B. am Ende Erinnerungsfilm bewusst in den imaginären "Tresor" legen, wo er bis zur nächsten Bearbeitungssequenz verbleibt).

Während es bei einem sogenannten "Monotrauma" (ein einmaliges traumatisches Erlebnis, z.B. ein schwerer Autounfall) möglich ist, das Trauma in wenigen Sitzungen vollständig zu bearbeiten, ist die Traumabearbeitungsphase bei Typ-II-Traumatisierungen (über einen längeren Zeitraum wiederholte Traumatisierungen) meistens notwendig, wiederholt und in kleinen Schritten Traumabearbeitungen durchzuführen. Meistens wird dabei im Vorfeld genau vorbereitet, welche konkrete Traumasituation bearbeitet werden soll. Im weiteren Verlauf wird in kleinen Schritten hieran gearbeitet.

In den meisten Fällen werden nicht alle einzelnen Traumata nochmals hervorgeholt, sondern man greift bestimmte Erlebnisse (z.B. das erste, das letzte, das belastendste Erlebnis) heraus, die dann sozusagen als Oberbegriff, auch für andere Ereignisse dienen.

Während der Traumabearbeitung ist es wichtig, darauf zu achten, dass man sich zwischen den eigentlichen Bearbeitungssequenzen immer wieder Zeit zur Erholung und Stabilisierung nimmt, sich etwas Gutes tut etc. Häufig wird zwischenzeitlich auch wieder verstärkt mit Techniken aus der Stabilisierungsphase gearbeitet, um sicherzustellen, dass die KlientIn durch die Traumaarbeit nicht überlastet wird.


Ziel der Traumabearbeitung

  • Bei jeder einzelnen Traumakonfrontation gilt:

  • Die verschiedenen, im Gehirn getrennt voneinander abgespeicherten Erinnerungssplitter (z.B. Worte, Bilder, Gefühle, Körperempfindungen) aus der Traumasituation werden zusammengeführt.

  • Gelingt dies, ohne dass man erneut von dem Geschehen überflutet wird, können aus den leicht reaktivierbaren Erinnerungssplittern "normale" Erinnerungen werden (d.h., man kann das Geschehen mit der eigenen Lebensgeschichte in Verbindung bringen, es zeitlich einordnen, als etwas VERGANGENES erleben etc., vgl. akute Traumareaktion).

  • Dadurch nimmt die Tendenz zu spontanen, überwältigenden Traumaerinnerungen, also dem Gefühl, das Trauma erneut zu durchleben, stark ab.

Trauma-Bearbeitung bedeutet nicht, das Trauma ungeschehen oder "weg" zu machen. Das Trauma ist geschehen und wird immer Teil Ihrer Lebensgeschichte bleiben.

Das Trauma durcharbeiten heißt:

  • Gedanklich erfassen, was passiert ist

  • Begreifen, dass es wirklich einem selbst passiert ist und was für Auswirkungen es auf einen selbst und auf das eigene Leben gehabt hat

  • Trauern um das, was passiert ist, und um dass, was durch das Trauma kaputt gemacht wurde oder verhindert wurde

  • Verabschieden und den Blick nach vorn richten

Ziel der Traumabearbeitung ist, dass das Trauma es ein abgeschlossener Teil Ihrer Lebensgeschichte wird, über den Sie sprechen können oder an den Sie denken können, wenn Sie das wollen, ohne sofort von den Erinnerungen überwältigt zu werden und ohne dass das Trauma Ihr heutiges Alltagsleben bestimmt. Hier gibt es fließende Übergänge zur Phase 3 der Behandlung, der Phase der Integration und Neuorientierung.

   
 
 
 
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