Diagnostik und Behandlung komplexer dissoziativer Störungen

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Behandlungsphase I: Die Stabilisierungsphase

Die Stabilisierungsphase ist die erste und in mancher Hinsicht die wichtigste Phase einer Traumatherapie. Sie dauert einige Monate, häufig sogar mehrere Jahre.

Während der Stabilisierungsphase arbeiten KlientIn und TherapeutIn gemeinsam daran, dass die KlientIn lernt, Probleme und Symptome besser in den Griff zu bekommen und den Alltag wieder besser zu bewältigen. Außerdem werden in dieser Phase die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass man sich später in der Therapie ggf. auch intensiver mit den eigenen traumatischen Erfahrungen auseinandersetzen kann, ohne erneut davon überwältigt zu werden.

In manchen Fällen entscheiden KlientIn und TherapeutIn jedoch im Laufe der Behandlung auch gemeinsam, dass eine weiterführende Traumabearbeitung zu dem jeweiligen Zeitpunkt nicht notwendig, sinnvoll oder nicht gewünscht ist und verzichten darauf.


Warum ist Stabilisierung so wichtig?

  • Menschen mit schweren dissoziativen Störungen haben im Laufe ihres Lebens intuitiv dissoziative Reaktionen genutzt, um mit anders nicht bewältigbaren wiederholten schweren Traumatisierungen umgehen zu können. Was ursprünglich (der oft einzige) effektive Weg zur Bewältigung einer extrem bedrohlichen Lebenssituation war, kann im späteren Leben zu erheblichen Problemen führen. Das Kernsymptom der DIS und der DDNOS Typ I sind durch starke dissoziative Barrieren voneinander getrennte Persönlichkeitsanteile, die weitgehend den Kontakt zueinander verloren haben und die auf (häufig zunächst noch nicht bekannte innere oder äußere Hinweisreize hin) die Kontrolle über das Erleben und Verhalten der Betroffenen übernehmen können. Bei schweren dissoziativen Störungen ist es daher notwendig, im Laufe der Behandlung das System von dissoziierten Persönlichkeitsanteilen kennenzulernen und zu verstehen (was für Anteile gibt es, was für Charakteristica, Stärken, Schwächen, Bedürfnisse etc. haben sie und welche Aufgaben übernehmen sie innerhalb des Persönlichkeitssystems).

  • Zu Beginn der Therapie besteht zudem häufig das Problem, dass die verschiedenen Anteile relativ isoliert nebeneinander stehen. Hier weiss sprichwörtlich "die rechte Hand nicht, was die linke tut". Um die hierdurch im Alltag entstehenden Probleme besser in den Griff zu bekommen und um sich später ggf. intensiver mit den auslösenden Traumatisierungen und deren Auswirkungen auf das eigene Leben auseinandersetzen zu können, ist es wichtig, langsam und schrittweise eine Kommunikation und Kooperation zwischen den verschiedenen Anteilen aufzubauen.

  • Viele Menschen, die wiederholt traumatischen Situationen ausgesetzt waren, leiden auch unabhängig von dem Vorhandensein dissoziierter Persönlichkeitsanteile unter einer Vielzahl von Problemen und Symptomen, die sehr stark beeinträchtigen können. Symptome werden dabei entweder als "Überreste" von eigenen, ursprünglich effektiven und erfolgreichen Versuchen, mit dem Trauma umzugehen oder als direkte oder indirekte Folge von sehr ungünstigen Lebens- und Entwicklungsbedingungen meist schon ab der frühen Kindheit verstanden. Im Laufe der Zeit können sich diese ursprünglich hilfreichen Strategien jedoch verselbständigen oder aus anderen Gründen nicht mehr hilfreich sein. Dann führen sie im aktuellen Leben anstatt zu einer Entlastung zu teilweise erheblichen Beeinträchtigungen. Bevor am Trauma gearbeitet werden kann, muss man daher zunächst wieder etwas "festeren Boden unter den Füßen haben".

  • Hierzu sollte man im Rahmen der Therapie versuchen, genauer zu verstehen, wann und warum Symptome auftreten bzw. sich verstärken und lernen und erproben, was es für Möglichkeiten gibt, besser mit solchen Situationen umzugehen bzw. um die Symptome besser kontrollieren zu können.

  • Viele Betroffene schädigen sich selbst, z.B. durch selbstverletzendes Verhalten oder indem sie sich selbst abwerten und schlecht machen. Daher müssen häufig Möglichkeiten gefunden werden, selbstschädigendes Verhalten zu vermeiden bzw. mit unschädlichen Verhaltensweisen ähnliche Ziele zu erreichen (z.B. Cool-Pack gegen die Haut drücken, wenn man den Körper nicht spüren kann oder Sport, wenn man stark unter Spannung steht)

  • Traumabearbeitung / -konfrontation bedeutet, sich mit sehr belastenden, potentiell überwältigenden Erfahrungen auseinander zu setzten. Dies erfordert ein hohes Maß an Stabilität und psychischer Belastbarkeit sowie möglichst vielfältige Kraftquellen und Bewältigungsstrategien. Um zu vermeiden, dass man bei einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Trauma im Rahmen der Therapie wieder von dem Geschehen überwältigt wird, ist in den meisten Fällen eine längere Phase der Stärkung notwendig. Außerdem sollten im Vorfeld möglichst viele und gute Bewältigungsstrategien aufgebaut werden, um trotz der Belastung durch die Auseinandersetzung mit dem Trauma stabil bleiben zu bleiben, um das Trauma schließlich verarbeiten zu können.

  • Traumabearbeitung sollte immer strukturiert und in "bewältigbaren Portionen" stattfinden, d.h. es gibt einen klaren Beginn und ein klares Ende der jeweiligen Bearbeitungssequenz. Dies ist nur möglich, wenn man traumatisches Material gezielt "hervorholen" und genauso gezielt wieder "wegpacken" kann. Hierfür müssen meistens erst entsprechende Techniken gelernt werden.

Was können Themen in der Stabilisierungsarbeit sein?

Inhalte und Aufgaben, die in der Stabilisierungsphase zum Thema werden sind, können je nach Einzelfall und Ausgangspunkt sehr unterschiedlich sein. Die Grundhaltung ist, dass Sie die ExpertIn für sich selbst sind und dass die Therapie Ihnen dabei helfen soll, Ihre Selbstheilungskräfte zu fördern und persönliche Kraftquellen und Kompetenzen aufzubauen und zu entfalten.

Die TherapeutIn wird Sie dabei begleiten und darin unterstützen, neue Lösungsmöglichkeiten oder Bewältigungsstrategien für bisher schwierige Situationen bzw. Probleme zu finden, damit Sie immer besser in der Lage sind, auch schwierige Situationen zu bewältigen. Häufige Themen bzw. Probleme in der Stabilisierungsphase sind z.B.:

  • Kennenlernen des Persönlichkeitssystems und schrittweiser Aufbau von Kommunikation und Interaktion zwischen den verschiedenen Anteilen

  • Dafür sorgen, dass man in einem relativ sicheren Umfeld lebt und dass es zu keinen neuen Traumatisierungen mehr kommt; ggf. sich von Menschen lösen, die einem nicht gut tun

  • Falls nötig, soziale Situation klären (z.B. Wohnung, Unterhalt, Arbeitssituation etc.)

  • Informationen über den Zusammenhang von Trauma, posttraumatische Reaktionen und Dissoziation erhalten, um die eigenen Symptome und Schwierigkeiten besser zu verstehen

  • Lernen, sich nicht selbst zu schaden, keine "inneren Bestrafungsaktionen" mehr

  • Lernen, gut und fürsorglich mit sich selbst umzugehen

  • Förderung des Selbstbewusstseins

  • Aufbau von verbesserten Strategien zum Umgang mit inneren Konflikten und/oder mit Konflikten mit der Umwelt

  • Entwicklung von "Notfall-Listen" o.ä., auf denen z.B. Möglichkeiten gesammelt werden, wie Sie sich in einer Krisensituation selbst beruhigen oder Hilfe suchen können

  • Überprüfen von Annahmen und Sichtweisen über die eigene Person und die Umwelt

  • Aufbau unterstützender sozialer Beziehungen und eines guten sozialen Netzwerkes

  • Erlernen von Techniken zur
  • Kontrolle von posttraumatischen und/oder dissoziativen Symptomen
  • Regulierung und Kontrolle von Gefühlen, Selbstverletzungs- oder Suizidtendenzen etc.
  • Kontrolle von plötzlichen, starken Handlungsimpulsen
  • Vermeidung von Selbstschädigendem Verhalten
  • Aktivierung neuer oder alter persönlicher Kraftquellen, z.B. Hobbies, Sport, kreatives Gestalten, Musik, Entspannungsübungen etc.

Das Ziel ist, innere und äußere Belastungen wenn möglich abzubauen bzw. bestehenden Belastungen ein positives Gegengewicht entgegenzustellen, damit insgesamt eine bessere innere Balance zwischen Belastung und Entlastung entsteht. Hierfür können Sie alle Möglichkeiten oder Aktivitäten nutzen, von denen Sie bereits wissen, dass Sie Ihnen gut tun.

Darüber hinaus werden Sie wahrscheinlich im Laufe der Therapie auch viele neue Möglichkeiten und Techniken suchen und entwickeln, um sich selbst in Situationen, in denen es Ihnen nicht gut geht, besser beruhigen oder helfen zu können. Die TherapeutIn wird Sie immer wieder hierzu ermutigen und dabei unterstützen.

Eine sehr hilfreiche Methode können sogenannte Imaginationsübungen sein, in denen ganz gezielt positive Vorstellungsbilder genutzt werden, um z.B. belastende Situationen besser bewältigen zu können oder um posttraumatische und dissoziative Symptome besser kontrollieren zu können. Diese Techniken werden außerdem bei einem möglichen Bearbeitung traumatischer Erinnerungen ganz gezielt eingesetzt, um eine ausreichende innere Distanz zu den Erinnerungsbildern wahren zu können oder um diese am Ende der Therapiesitzung "sicher verwahren" zu können, bis sie zu einem späteren Zeitpunkt genauso geplant wieder hervorgeholt werden können.

Beispiele und Anleitungen für Imaginationsübungen finden Sie z.B. bei

  • Reddemann, L. (2003). Imagination als heilsame Kraft. Klett-Cotta

  • Huber, M. (2005). Der innere Garten. Paderborn: Junfermann
   
 
 
 
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