Diagnostik und Behandlung komplexer dissoziativer Störungen

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Was passiert bei einem Trauma im Gehirn?

Wenn eine Situation (bewusst oder unbewusst) als extrem bedrohlich eingestuft wird, wird im Körper innerhalb kürzester Zeit eine sehr starke Stressreaktion ausgelöst. Herz- und Atemfrequenz, Blutdruck, Muskelspannung etc. steigen an und bereiten den Körper darauf vor, aus der Situation zu fliehen oder sich durch einen Kampf zu verteidigen. Gleichzeitig kommt es auch zu weitreichenden Veränderungen der Informationsaufnahme und -verarbeitung. Der Mensch verfügt über zwei verschiedene Arten von Informations-Verarbeitungssystemen, die sich normalerweise unterstützen und ergänzen.

Das "kühle System" ist für die Verarbeitung von Reizen und Ereignissen mit einem mittleren Grad an Gefühlen vorgesehen und ist eine Art von "Archiv" des Gedächtnisses. Aufgenommene Reize werden von den Sinnesorganen über verschiedene Stationen zum Sprachzentrum und zum Großhirn beider Hirnhälften weitergeleitet.

Dort erfolgt eine Verknüpfung der neuen Information / Erfahrung mit bereits vorhandenen Informationen / Erfahrungen. Durch eine Verknüpfung der neuen Informationen mit bereits im Gedächtnis abgespeicherten Informationen ist eine lebensgeschichtlche Einordnung der Erfahrung in Raum und Zeit möglich (ich kann mich erinnern, dass es mir passiert ist, ich weiss, wann und wo es passiert ist, wann es begonnen hat und wann es beendet war etc.). Durch die Verknüpfung von neuen und alten Informationen werden außerdem eine innere Bewertung von Erfahrungen sowie Lernen ermöglicht. Der Nachteil dieser Art der Informations-Verarbeitung ist, dass sie relativ aufwändig und damit langsam ist.


In sehr emotionalen Situationen, insbesondere in Gefahrensituationen, überwiegt daher das "heiße System". Aufgenommene Reize werden immer auf Hinweise auf Gefahr analysiert. Wenn dabei eine Bedrohungssituation festgestellt wird, wird eine massive Stress-Reaktion (als körperliche Vorbereitung für eine "Kampf-" oder "Flucht-Reaktion") ausgelöst. Bei extremer Angst werden als Folge dieser Stressreaktion Erlebnisse im Gehirn anders verarbeitet (unvollständige Integration verschiedener eingehender Reize, keine Verknüpfung mit bereits vorhandenen Gedächtnisinhalten), um in dem Moment ein Weiterfunktionieren / "Überleben" zu ermöglichen.

Dies hat zur Folge, dass bei so verarbeiteten Informationen insbesondere mit Angst verbundene körperliche und gefühlsmäßige Erlebnisqualitäten im Vordergrund stehen. Die Erinnerungen sind sehr leicht reaktivierbar und die verschiedenen eingehenden Informationen aus einer Situation werden nicht ausreichend miteinander verknüpft und integriert (z.B. Erinnerungssplitter, nur einzelne Sinnesmodalitäten oder Empfindungen / Gefühle ohne Kontextinformation). Auch die lebensgeschichtliche Einordnung des "kühlen Systems" fehlt: spätere Erinnerungen an die Situation sind durch ein Hier-und-Jetzt-Erleben (Erleben, als ob das Geschehen in dem Moment ablaufen würde, fehlende raum-zeitliche Einbindung; kein klarer Anfang, Ende etc.) charakterisiert.


Informationsverarbeitung in positiven bzw. neutralen Situationen

  • das "heiße" und das "kühle System" arbeiten nebeneinander und ergänzen sich gegenseitig
  • das Ergebnis sind eine mehr oder weniger intensive Informationsverarbeitung und Verknüpfung und Integration der neuen Informationen / Erlebnisse mit den bereits im Gedächtnissystem abgespeicherten Informationen
  • Erinnerungen sind abrufbar und können räumlich und zeitlich als solche eingeordnet werden

Informationsverarbeitung bei einem Trauma

  • die Situation wird als extrem bedrohlich eingestuft
  • als Folge davon kommt es zu einer Aktivierung des "heißen Systems" und reflexartig zu einer massiven Stress-Reaktion
  • durch die Ausschüttung von großen Mengen von Stress-Hormonen kommt es zu einer Hemmung des "kühlen Systems"
  • Informationsverarbeitung läuft überwiegend, u.U. sogar ausschließlich über das "heiße System"
  • Erinnerungen an eine Traumasituation werden
  • nicht zusammenhängend abgespeichert und z.T als sehr distanziert erlebt
  • fehlende raum-zeitliche Einordnung
  • fehlende Integration in das eigene Selbst / die eigene Biographie
  • häufig sprachlich nur schwer ausdrückbar
  • Erinnerungen sind sehr leicht reaktivierbar
  • werden Erinnerungen reaktiviert (getriggert), wird das Geschehen wie im "hier und jetzt" erlebt

Hier finden Sie eine Graphik, die die typische akute Traumareaktion nochmals zusammenfasst und veranschaulicht.

   
 
 
 
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