Diagnostik und Behandlung komplexer dissoziativer Störungen

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Differentialdiagnostik DIS – DDNOS – Borderline-Persönlichkeitsstörung

Die Differentialdiagnostik von DIS, DDNOS und der Borderline-Persönlichkeitsstörung ist aufgrund breiter Symptomüberlappungen häufig besonders schwierig. Nach den Ergebnissen empirischer Studien gibt es jedoch einige charakteristische Unterschiede zwischen den Störungsbildern.

Die hier vorgestellten abgrenzenden Merkmale zwischen PatientInnen mit einer nicht näher bezeichneten Dissoziativen Störung (DDNOS), einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) bzw. einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) mit schweren Depersonalisationen basieren auf den Ergebnissen einer Studie von Suzette Boon und Nel Draijer aus dem Jahr 1993. (Boon, S. & Draijer, N. (1993). The differentiation of patients with MPD or DDNOS from patients with a Cluster-B personality disorder. Dissociation, 6, 126 – 135.). Die Merkmale beziehen sich auf Antworten der TeilnehmerInnen im SCID-D.

Zur Abgrenzung von DIS und DDNOS in der Studie von Boon und Draijer (1993) ist einschränkend anzumerken, dass fast alle Studienteilnehmerinnen mit einer DDNOS im weiteren Behandlungsverlauf vermehrt Zugang zu dem dissoziierten Persönlichkeitssystem erlangten und zu einem späteren Untersuchungszeitpunkt die Diagnosekriterien für eine DIS vollständig erfüllten. Diese Entwicklung ist in der klinischen Praxis sehr häufig zu beobachten und oft sind die Übergänge von einer Störungsform zur anderen fließend. Genau genommen zeigen die Studienergebnisse jedoch eher das Symptombild einer verdeckten DIS zu Behandlungsbeginn und nicht so sehr einer "echten" und dauerhaften DDNOS.


DDNOS DIS BPS + schwere dissoziative Symptomatik
  n = 24 n = 49 n = 21
Amnesie schwer schwer leicht bis mäßig
  wöchentlich bis täglich Episoden von Amnesien im Alltagserleben wie z.B. Erinnerungslücken oder Fugue-Zustände

oft leichte Amnesien, v.a. Kindheitsamnesien

Amnesien im Alltagserleben selten, meist im Zusammenhang mit negativ bewerteten Verhaltensweisen oder mit schweren Depersonalisationen

Depersonalisation schwer schwer schwer
  häufig out-of-body-Erleben, Veränderungen der Körperwahrnehmung oder fehlende Schmerzwahrnehmung in erheblicher Ausprägung out-of-body-Erleben, Veränderungen der Körperwahrnehmung oder fehlende Schmerzwahrnehmung, jedoch meist mit weniger schwerer Ausprägung als bei PatientInnen mit komplexen dissoziativen Störungen
Derealisation leicht bis schwer leicht bis schwer leicht bis mäßig
  allgemeine Entfremdungsgefühle, z.B. Umgebung erscheint unscharf oder unwirklich sowohl bei hoch-dissoziativen als auch bei PatientInnen mit BPS, hier allerdings mit geringerer Frequenz als bei DIS / DDNOS
  Situationen, in denen eine vertraute Umgebung und/oder Personen nicht erkannt werden, praktisch nur bei komplexen dissoziativen Störungen, nicht bei BPS bei ca. 10% der TeilnehmerInnen zeitweise Unfähigkeit, vertraute Umgebungen / Personen zu erkennen
Identitätsunsicherheit schwer schwer leicht bis mäßig
 

anhaltende innere Kämpfe zwischen zwei oder mehr dissoziierten Persönlichkeitsanteilen, häufig in Form von identifizierbaren inneren Stimmen und Dialogen,

häufig polarisierte innere Kämpfe zwischen verschiedenen Ideen, Gedanken oder Innenanteilen

Gefühl der Verunsicherung über das eigene Selbst oder die eigene Identität

Verunsicherung über das eigene Selbst oder die eigene Identität
Identitätswechsel schwer schwer leicht
 

Zahlreiche Beschreibungen von Switches oder indirekten Hinweisen auf die Aktivität alternativer Persönlichkeitsanteile (z.B. finden von Sachen, die einem zu gehören scheinen, an deren Erwerb man sich aber nicht erinnern kann)

oft auch eher subtile Wechsel

häufig Berichte über wechselnde Fertigkeiten, Kenntnisse und Talente oder darüber, festzustellen, dass man plötzlich über ein Wissen oder eine Fertigkeit (z.B. Fremdsprachkenntnisse) verfügt, ohne sich dieses selbst bewusst angeeignet zu haben

Verhaltensänderungen werden als ich-dyston erlebt

häufig Verhalten, als ob man eine andere Person wäre, oft auch in Form von sehr polarisierten Verhaltensänderungen

praktisch keine indirekten Hinweise auf Aktivitäten alternativer Persönlichkeitsanteile

das geänderte Verhalten wird zumeist als ich-synton erlebt.

 

oft mangelndes Bewusstsein für das Vorhandensein dissoziierter Persönlichkeitsanteile

oft große Probleme bei der Beantwortung von Fragen zum Persönlichkeitssystem (z.B. Ambivalenz, verstärkte innere Stimmen und Streits, Stimmen, die die PatientIn anweisen, Fragen nach alternativen Anteilen zu verneinen), vage Antworten, Amnesien für Interviewfragen oder Abrutschen in dissoziative Zustände

DIS-PatientInnen, die bereits seit einiger Zeit in DIS-spezifischer Behandlung sind, berichten meist relativ frei und konkret über ihr Persönlichkeitssystem, bei Erstdiagnosen oft ähnliche Abivalenzen und Probleme bei Fragen zum Persönlichkeitssystem wie bei DDNOS

Angaben werden im Verlauf der Behandlung mit steigendem Co-Bewusstsein der Anteile untereinander immer konkreter und umfassender,

keine Probleme oder übermäßige emotionale Betroffenenheit bei Fragen nach möglichen alternativen Persönlichkeitsanteilen

Fragen / Verhaltensweisen werden entweder verneint oder Antworten unterscheiden sich qualitativ deutlich von denen hoch-dissoziativer PatientInnen

keine dissoziativen Zustände oder Berichte über innere Stimmen / Dialoge bei der Beantwortung der Fragen

innere Stimmen und Dialoge in allen Gruppen häufig auftretend
 

werden als Unterhaltung zwischen verschiedenen Persönlichkeitsanteilen beschrieben

Gedanken, Meinungen oder Stimmen werden als nicht zu sich selbst gehörend beschrieben

Fragen zu inneren Stimmen und Dialogen können insbesondere bei DDNOS Unruhe, defensive Reaktionen, Ambivalenz im System und/oder dissoziative Zustände auslösen, bei DIS seltener

werden als den eigenen, oft sehr polarisierten Gedanken ähnelnd beschrieben


       
Selbstverletzungen, Prävalenz 78,3% 83,3% 76,2%
wiederholte Suizidversuche Prävalenz 45,0% 55,0% 52,0%
Ess-Störungen in allen Gruppen relativ häufig
Amnesie für Ess-Anfälle 52,0% 53,0% 0%
PTB-Symptomatik

schwere PTB-Symptomatik

Erfassung ist aufgrund von Amnesien oder Unfähigkeit zum Berichten über traumatische Erlebnisse häufig schwierig

komorbide PTB in voller Ausprägung bei 60% der TeilnehmerInnen

schwere PTB-Symptomatik

Erfassung ist aufgrund von Amnesien oder Unfähigkeit zum Berichten über traumatische Erlebnisse häufig schwierig

komorbide PTB in voller Ausprägung bei 89% der TeilnehmerInnen

schwere PTB-Symptomatik

komorbide PTB in voller Ausprägung bei 65% der TeilnehmerInnen

       
körperliche und sexuelle Gewalt in der Kindheit 77,6%
91,0%
57,1%
61,0%
körperliche Gewalt mäßig schwer mäßig bis schwer leicht bis schwer
sexuelle Gewalt mäßig bis schwer mäßig bis schwer leicht bis schwer
  Beginn des sex. Missbrauchs fast immer schon im Vorschulalter Beginn des Missbrauchs meist im Kindesalter (6. – 12.LJ)
   
 
 
 
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