Diagnostik und Behandlung komplexer dissoziativer Störungen

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Differentialdiagnostik Komplexer Dissoziativer Störungen

Viele KlientInnen mit komplexen dissoziativen Störungen werden jahrelang wegen psychischen Problemen und Störungen behandelt, bevor die Diagnose einer DIS bzw. DDNOS gestellt wird.

Teilweise ist die dissoziative Symptomatik zu Beginn der Behandlung durch komorbide Störungen und Sekundärprobleme überdeckt, so dass zunächst nur die komorbide Störung (z.B. schwere Depression oder Angststörung) diagnostiziert und behandelt wird, nicht jedoch die dahinter verborgene dissoziative Störung.

Ein anderes Problem sind die oft breiten Symptomüberlappungen zwischen der DIS und nicht-dissoziativen Störungen. KlientInnen mit schweren dissoziativen Störungen berichten z.B. häufig über psychoseähnliche Symptome, die auf den ersten Blick wie Schneiderīsche Symptome ersten Ranges anmuten. Dementsprechend erhalten viele KlientInnen zunächst die (Fehl-) Diagnose einer Schizophrenie und werden entsprechend medikamentös behandelt - meist allerdings ohne großen Erfolg. Auch bei komplexen posttraumatischen Störungsbildern wie der Borderline-Persönlichkeitsstörung oder der Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung sowie bei der in den letzten Jahren häufiger zu beobachtenden Pseudo-DIS gibt es aufgrund breiter Symptomüberlappungen oft Schwierigkeiten bei der Differentialdiagnostik.

Im Folgenden möchten wir Ihnen eine Übersicht über abgrenzende Merkmale zwischen DIS und Schizophrenie sowie zwischen der DIS und Cluster-B-Persönlichkeitsstörungen (Borderline-PS / Histrionische PS)geben. Außerdem gehen wir auf das zunehmend auftretende Problem der imitierten oder der Pseudo-DIS ein.


DIS - Schizophrenie

Obwohl es deutliche Symptomüberlappungen zwischen Schizophrenie und DIS gibt, lässt sich jedoch bei einer sorgfältigen Untersuchung der KlientInnen meist eine klar differentialdiagnostische Abgrenzung zwischen den beiden Störungsbildern treffen.

Dabei ist allerdings zu beachten, dass PatientInnen mit komplexen dissoziativen Störungen komorbide psychotische Störungen oder psychotische bzw. psychosenahe Symptome aufweisen können, die entsprechend zu diagnostizieren und (zumeist medikamentöse) zu behandeln sind.

Die folgende Tabelle (überarbeitet nach Gast, Oswald, Zündorf & Hofmann, 1999: Manual zum Strukturierten Klinischen Interview für dissoziative Störungen. Göttingen: Hogrefe.) gibt eine Übersicht über abgrenzende Merkmale bei dissoziativen Symptomen im Rahmen einer Schizophrenie bzw. einer DIS.


Symptome, die bei Schizophrenie und DIS auftreten können Schizophrenie Dissoziative Identitätsstörung
Dissoziative
Symptome
  • Normalerweise isolierte dissoziative Symptome
  • Schweregrad der Symptome eher leicht.
  • Symptome treten in Zusammenhang mit bizarren Wahnvorstellungen oder psychotischen Symptomen auf
  • chronische dissoziative Symptome sind selten.
  • komplexes Muster dissoziativer Symptome
  • Wiederkehrende oder anhaltende dissoziative Symptome
  • Schweregrad der Symptome mäßig bis schwer.
Identitätsunsicherheit / Identitätsänderung
  • Fehlen eines Bewusstseins für die eigene Identität und die Rolle in der Gesellschaft.
  • Wechsel zwischen dominanten Persönlichkeitsanteilen
  • oft verbunden mit einem starken subjektiven Gefühl der Verunsicherung in Hinblick auf die eigene Identität.
Akustische (Pseudo-) Halluzinationen und innere Dialoge
  • Hören von Stimmen, die nicht Stimmen anderer Persönlichkeitsanteilen entsprechen.
  • vorwiegend als von außerhalb des Kopfes kommend erlebt.
  • Symptomatik ist meist auf akute psychotische Episoden begrenzt
  • zumeist gut durch Neuroleptica beeinflussbar
  • innere Stimmen, die Dialogen zwischen einzelnen Persönlichkeitsanteilen entsprechen.
  • Stimmen werden vorwiegend als innerhalb des Kopfes wahrgenommen und oft als den Gedanken ähnlich beschrieben.
  • chronische innere Stimmen und Dialoge
  • keine oder nur leichte Veränderung bei Behandlung mit Neuroleptica
Schneidersche Symptome und Wahnvorstellungen
  • Bizarre Wahnvorstellungen, paranoide Verkennungen oder andere Wahnvorstellungen, die nicht andere Persönlichkeitsanteile mit einbeziehen, z. B. "Der CIA ist hinter mir her!"
  • Der einzige "Verkennung" besteht aus der Vorstellung, es gäbe verschiedene Persönlichkeiten
  • Problem: fragmentierte Flashbacks können bizarr und paranoid anmuten, solange der Gesamtzusammenhang nicht nachvollziehbar ist
Andere psychotische Symptome
  • Formale Denkstörungen in Form von gelockerten Assoziationen bis zu Zerfahrenheit, Katatonie, Störungen der Affektivität
  • Nicht vorhanden bei DIS!
Realitätsprüfung
  • Störung der Realitätsprüfung
  • Intakte Realitätsprüfung, dissoziative Symptome werden typischerweise beschrieben: "Es ist so, als wenn..."
Komorbidität
  • Es können komorbide affektive und/oder Angststörungen auftreten, diese sind jedoch meist zeitlich begrenzt
  • In den meisten Fällen breites Spektrum an komorbiden Symptomen und Störungen in voller Ausprägung, am häufigsten: Depressionen, Angststörungen, insbesondere PTB, Somatoforme Störungen und Ess-Störungen.
Beeinträchtigung der Funktionstüchtigkeit
  • Häufig liegen ein oder mehrere Funktionsbereiche wie Beruf, soziale Beziehungen oder Körperpflege deutlich unter dem Level, der vor Krankheitsbeginn erreicht wurde.
  • Funktionseinbußen sind z.T. beträchtlich, jedoch im Allgemeinen vorübergehend.
Lebensgeschichtlicher Verlauf der Symptome
  • Beginn der Störung meist im Erwachsenenalter
  • "Kontinuierliche Hinweise für Störungen für eine Dauer von mindestens 6 Monate." (Zeit-Kriterium im DSM-IV)
  • chronische und episodische Verläufe sind möglich
  • Bereits nach einer ersten psychotischen Episode kann es zu einer chronischen Residualsymptomtik kommen (Minussymptomatik)
  • Beginn der Symptomatik i.A. bereits während der Kindheit und Jugend, schwere Funktionsbeeinträchtigungen und Diagnosestellung hingegen meist erst im Erwachsenenalter
  • Störungen können mit Unterbrechungen auftreten.
  • Oft starke Schwankungen der Symptomatik, der Stimmungen und des Ausmaßes der Funktionseinschränkungen
  • Bei adäquater Therapie keine dauerhafte Residualsymptomatik, jedoch sind längerfristige z.T. schwere Beeinträchtigungen z.B. durch unkontrollierte Switches zwischen alternativen Persönlichkeitsanteilen oder durch komorbide posttraumatische oder depressive Symptome etc. möglich
   
 
 
 
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