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Diagnostik und Behandlung komplexer dissoziativer Störungen
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Erste Ergebnisse zur Effektivität der DIS-Therapie
Die ISSD-Behandlungsrichtlinien basieren weitgehend auf ExpertInnenmeinungen und der klinischen Erfahrung. Die Durchführung von Therapie-Effektivitätsstudien i.e.S. ist bei der Behandlung komplexer Dissoziativer Störungen aufgrund der langen Behandlungsdauer und aufgrund von Problemen bei der Standardisierung des therapeutischen Vorgehens mit besonderen methodischen Schwierigkeiten verbunden. Bei der für Studien mit hoher Evidenz gestellten Forderung nach Kontrollgruppen mit Zufallszuweisung stellen sich darüber hinaus erhebliche ethische Probleme. Daher wurden bislang zwar zahlreiche Fallbeschreibungen von DIS-Behandlungen veröffentlicht, es gibt jedoch nur wenige echte Therapie-Studien, in denen der Behandlungserfolg durch Prä- Post- Vergleiche nachgewiesen wurde.
Zwei Forschungsgruppen verglichen die Behandlungskosten sowie die Dauer von stationären psychiatrischen Behandlungen bei DIS-PatientInnen vor und nach der Diagnosestellung
- Ross und Dua (1993) errechneten für einen 10-Jahres-Zeitraum mittlere finanzielle Einsparungen von ca. 85.000$ pro PatientIn nach der Diagnosestellung. Für die Hochrechnung der Kostenersparnis gingen sie davon aus, dass es ohne Diagnosestellung und eine störungsspezifische Behandlung für weitere 10 Jahre zu im Vergleich zu den Vorjahren unveränderten Behandlungskosten gekommen wäre. Im Gegensatz dazu kam es bei einer spezifischen psychotherapeutischen Behandlung durchschnittlich innerhalb von 48 Monaten zur Integration der Teilpersönlichkeiten und zu einer erheblichen Reduktion der Behandlungskosten.
- Fraser und Raine (1992) berichten von einer durchschnittlichen Therapiedauer von fünf Jahren ab der DIS-Diagnose. Im ersten Jahr nach der Diagnosestellung konnten Kosteneinsparungen von ca. 40.000 $ pro Jahr und PatientIn erreicht werden. Ab dem dritten Jahr betrugen die Behandlungskosten im Mittel pro PatientIn und Jahr noch 10.700$ und damit fast 60.000$ weniger als vor der Diagnosestellung. In beiden Studien wurde jedoch deutlich, dass der Behandlungserfolg eng mit der Schwere der Symptomatik zusammenhängt. Es ließen sich jeweils drei Gruppen von PatientInnen identifizieren, die weitgehend mit den im Zusammenhang mit der Prognose genannten Gruppen übereinstimmen.
Neben diesen indirekten Effektivitätsnachweisen liegen inzwischen erste Therapiestudien i.e.S. vor, die durchweg über positive Behandlungsergebnisse berichten. Leider fehlte jedoch in allen Studien eine Kontrollgruppe.
- Die erste Studie wurde 1986 von Coons veröffentlicht. Der Behandlungsverlauf von 20 DIS-PatientInnen wurde über einen Zeitraum von 39 Monaten verfolgt. Fünf PatientInnen (25%) erreichten eine vollständige Integration, bei zwei weiteren konnte eine Teil-Integration erreicht werden. Von den restlichen PatientInnen zeigten sich bei 50% eine mittlere bis starke Verbesserung der Symptomatik (mehr Stabilität unter den Persönlichkeitsanteilen, wachsendes Co-Bewusstsein der Anteile, bessere Affekt-Toleranz, Fähigkeit, traumatische Erinnerungen zuzulassen und an ihnen zu arbeiten).
- Coons und Bowman (2001) legten die Ergebnisse einer Langzeit-Studie mit einem follow-up-Zeitraum von 10 Jahren vor. Von ursprünglich 25 DIS-PatientInnen lagen für 12 PatientInnen follow-up-Daten vor. Hiervon hatten 50% eine vollständige oder weitgehende Integration erreicht. Bei allen PatientInnen war es zu einer erheblichen Reduktion der dissoziativen wie auch der nicht-dissoziativen Symptomatik gekommen.
- Ellason und Ross (1997) führten ebenfalls eine Katamnese-Untersuchung durch. Von den ursprünglich 135 PatientInnen konnten 54 nach zwei Jahren nachuntersucht werden. Im Vergleich zur ersten Untersuchung zeigte sich eine deutliche Abnahme der dissoziativen Symptomatik sowie von Schneider-Symptomen, affektiven und Angststörungen und Somatisierungen. Darüber hinaus benötigten die PatientInnen signifikant weniger Psychopharmaka.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass erste Untersuchungen zur Effektivität des Behandlungsansatzes bei DIS zu vielversprechenden Ergebnissen führten. In ca. 50 bis 66% der Fälle konnte durch eine spezifische psychotherapeutische Behandlung eine stabile Integration der Persönlichkeitsanteile oder zumindest eine deutliche Reduktion der Symptomatik erreicht werden. Außerdem wird über ganz erhebliche Kosteneinsparungen berichtet. Allerdings liegen erst wenige Studien mit vergleichsweise kleinen Stichproben vor. Eine Studie mit Kontrollgruppen-Design fehlt bislang völlig. Die Ergebnisse können daher nur als vorläufig betrachtet werden und müssen in weiteren Studien bestätigt werden.
Literatur:
- Coons, P.M. & Bowman, E.S. (2001). Ten-year follow-up study of patients with dissociative identity disorder. Journal of Trauma and Dissociation, 2, 73 - 89.
- Coons, P.M. (1986). Treatment progress in 20 patients with multiple personality disorder. Journal of Nervous and Mental Disease, 174, 715 - 721.
- Ellason, J.W. & Ross, C.A. (1997). Two-year follow-up of inpatients with dissociative identity disor-der. American Journal of Psychiatry, 154, 832 - 839.
- Fraser, G.A. & Raine, D. (1992). Cost-analysis of the treatment of MPD. In B.G. Braun (Ed.), Ninth annual international conference of multiple personality / dissociative states, (p. 10). Chicago, IL: Department of Psychiatry, Rush Presbyterian-ST. Luke´s Medical Center. (Zitiert nach Loewenstein, 1994)
- Ross, C.A. & Dua, V. (1993). Psychiatric health care costs of multiple personality disorder. American Journal of Psychotherapy, 47, 103 - 112.
- Ross, C.A. & Ellason, J.W. (2001). Acute stabilization in an inpatient trauma program. Journal of Trauma and Dissociation, 2, 83 - 87.
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