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Diagnostik und Behandlung komplexer dissoziativer Störungen
Fachinformationen für TherapeutInnen, BeraterInnen und ÄrztInnen
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Die Pseudo-DIS oder nachgeahmte DIS
Während der letzten 20 Jahre hat die Diagnose der DIS zunehmend Aufmerksamkeit erlangt. Dies hat einerseits viele positive Folgen (z.B. mehr Sensibilität und Bewusstsein für das Störungsbild, besseres Wissen zu Diagnostik und Behandlung etc.).
Andererseits kann die vermehrte Aufmerksamkeit auch ungewünschte Folgen haben. Eine dieser ungewünschten negativen Folgen von wachsender Aufmerksamkeit für das Störungsbild der DIS ist eine wachsende Zahl von falsch-positiven Diagnosen - d.h., bei der PatientIn wird eine DIS diagnostiziert, obwohl sie nicht vorliegt. Für die steigende Zahl falsch-positiver Diagnosen gibt es verschiedene Gründe
- PatientInnen bekommen über Selbsthilfegruppen, MitpatientInnen auf Traumastationen etc. Kontakt zu PatientInnen mit einer DIS und/oder werden von anderen PatientInnen / Betroffenen darauf angesprochen, dass ihre Symptome an eine DIS erinnern
- PatientInnen erhalten von ÄrztInnen oder anderen Angehörigen des Gesundheitswesens die Information, dass ihre Symptomatik an eine DIS erinnere
- für manche PatientInnen gilt eine DIS-Diagnose als "wünschenswerter" als z.B. eine Borderline-Diagnose
- Informationen über das Störungsbild der DIS sind in unterschiedlichster Qualität leicht zugänglich. Dadurch kann es vorkommen, dass PatientInnen eigene Probleme und Symptome als DIS-Symptomatik fehlinterpretieren
- PatientInnen entwickeln das Gefühl, eine DIS zu haben, nachdem sie sich über Fach- und Laienliteratur, Romane, Kontakt zu PatientInnen mit einer echten DIS etc. Informationen über das Störungsbild angeeignet haben, da das Vorliegen von dissoziierten Persönlichkeitsanteilen subjektiv eine Erklärung für sonst unverständliche eigene Probleme und Symptome liefern würde.
- Verstärkt wird das Problem durch eine oft vorliegende Verunsicherung von TherapeutInnen, insbesondere wenn diese in der (Differential-) Diagnostik dissoziativer Symptome und Störungen unsicher sind
Zu beachten ist, dass im allgemeinen keine bewusste und absichtliche Simulation des Störungsbildes vorliegt sondern eine mehr oder weniger bewusstseinsnahe Fehlinterpretation von Symptomen und der eigenen Lebenssituation. Diese können durch die Reaktionen aus dem Umfeld (z.B. TherapeutIn, ÄrztIn, PartnerIn, FreundInnen und Bekannte etc.) in die eine oder andere Richtung beeinflusst werden.
Eine echte DIS und eine nachgeahmte DIS können anhand von verschiedenen qualitativen Unterschieden im beschriebenen Symptomspektrum voneinander abgegrenzt werden. Detaillierte Informationen zur differentialdiagnostischen Abgrenzung finden Sie z.B. bei
- Draijer, N. & Boon, S. (1999). The imitation of dissociative identity disorder: Patients at risk, therapists at risk. Journal of Psychiatry and Law, 27, 423-458
- Thomas, A. (2001). Factitious and malingered dissociative identity disorder: clinical features observed in 18 cases. Journal of Trauma and Dissociation, 2, 59-77.
Fälle von echter, bewusster Simulation sind selten und treten eher in einem forensischen Kontext oder bei anderen extrinsischen Motivationen auf. Informationen zur (Differential-) Diagnostik dissoziativer Störungen und zur Differenzierung von echter und vorgetäuschter DIS im forensischen Kontext finden Sie bei:
- Steinberg, M., Hall, P., Lareau, C. & Cicchetti, D. (2003). Diagnostik valider und vorgetäuschter Dis-soziation mit dem Strukturierten Klinischen Interview für Dissoziative Störungen (SCID-D-R) - Richtlinien für klinische und forensische Untersuchungen. In: L. Reddemann, A. Hofmann & U. Gast (Hrsg.); Psychotherapie der dissoziativen Störungen (S. 151 - 167). Stuttgart: Thieme Verlag.
Wann ist das Risiko falsch-positiver DIS-Diagnosen besonders groß?
* die folgenden Ausführungen sind aus dem oben angegebenen Artikel von Draijer und Boon zusammengestellt
- bei manchen PatientInnen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, wenn diese über das subjektive Vorhandensein alternativer Persönlichkeitsanteile vermeiden, Verantwortung für eigene Handlungen und/oder für das eigene Leben zu übernehmen und über die Präsentation von Kinderanteilen nach Aufmerksamkeit und "Umsorgt werden" suchen.
Häufig wurde das Verhalten der PatientInnen im Vorfeld von Fachkräften im psychosozialen Bereich fälschlicherweise mit dissoziierten Persönlichkeitsanteilen in Verbindung gebracht, was die Fehlannahmen der PatientInnen verstärkt
- bei einigen PatientInnen mit histrionischer Persönlichkeitsstörung, die über die nachgeahmte DIS versuchen, Aufmerksamkeit zu erlangen und meist vor dem Hintergrund einer schweren Identitätsunsicherheit ihr Gefühl für die eigene Identität zu strukturieren, zusätzlich wird auch hier oft die Übernahme von Verantwortung für das eigene Erleben und Handeln vermieden.
Grundlage für die Entstehung der nachgeahmten DIS ist hier meist Modell-Lernen über Kontakte mit DIS-PatientInnen
- bei PatientInnen mit echter schwerer dissoziativer Symptomatik, die jedoch nicht die Diagnosekriterien für eine DIS erfüllen (z.B. bei DDNOS, Depersonalisationsstörung oder einigen Persönlichkeitsstörungen).
Häufig werden hier die initialen Symptome von unerfahrenen TherapeutInnen überbewertet und die PatientInnen passen ihr Selbsterleben der Sichtweise der TherapeutInnen an und erleben sich als stärker fragmentiert als es ursprünglich der Fall war. So können Pseudo-Ego-States entstehen
Was kann ich tun, um falsch-positive DIS-Diagnosen zu vermeiden?
- Kein Einsatz von Hypnose im diagnostischen Prozess
- Kein Gebrauch von DIS-typischen Ausdrücken (z.B. Persönlichkeitsanteile etc.), bevor die Diagnose feststeht
- Für eine eigene gute Ausbildung in der Erfassung und Differentialdiagnostik dissoziativer Symptome sorgen
- Erhebung einer umfassenden Anamnese: Lebensgeschichte, soziale Anamnese, körperliche Erkrankungen, psychiatrisch-psychotherapeutische Vorgeschichte etc., ggfs. auch Befund- und Behandlungsberichte von Vorbehandlungen mit heranziehen
- wenn die PatientIn bereits mit der (auch Eigen-) Diagnose / Verdachtsdiagnose auf eine komplexe dissoziative Störung zu Ihnen kommt, explizit erfragen, wer die Diagnose wann gestellt hat und was der Diagnosestellung vorausgegangen ist
- keine Diagnosestellung allein auf der Basis von Selbstbeurteilungsfragebögen; bei erhöhten Screening-Werten sollte sich immer ein systematisches diagnostisches Interview für dissoziative Störungen (SKID-D oder SIDDS)anschließen
- keine Selbsthilfeliteratur oder -Gruppen empfehlen, wenn die Diagnose noch nicht klar ist
- bei andauernder Unsicherheit hinsichtlich der Diagnose Meinung einer erfahrenen DiagnostikerIn einholen, ggfs. kann auch ein kurzer stationärer Aufenthalt zur Beobachtung und Diagnostik in einer entsprechend erfahrenen psychiatrischen oder psychosomatischen Klinik sehr hilfreich sein.
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