Diagnostik und Behandlung komplexer dissoziativer Störungen

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Structured Clinical Interview for DSM-IV Dissociative Disorders (SCID-D)/ Strukturiertes Klinisches Interview für dissoziative Störungen (SKID-D)

Das Structured Clinical Interview for DSM-IV Dissociative Disorders (SCID-D, Steinberg, 1994a) ist ein halbstrukturiertes Interview, das eng an den Diagnosekriterien des DSM-III-R entwickelt und später an die DSM-IV-Kriterien angepasst wurde. In der äußeren Form und der Handhabung orientiert es sich eng an dem verbreiteten Structured Clinical Interview (SCID) von Spitzer, Williams und Gibbon (1990).

Das Gesamtinterview umfasst 277 Items zu persönlichen Daten, klinischer Vorgeschichte sowie zur dissoziativen Symptomatik und erlaubt eine Differentialdiagnostik der verschiedenen Formen Dissoziativer Störungen nach dem DSM.

Steinberg (1994b) benennt fünf dissoziative Hauptsymptome, die wie folgt definiert sind (Steinberg, 1994b, pp. 18ff.):


  • Amnesie
ein bestimmter, bedeutender Zeitraum, für den jedoch keine Erinnerung besteht
  • Depersonalisation
Losgelöstsein vom eigenen Ich, z.B. Empfindung sich selbst wie einen Fremden zu betrachten
  • Derealisation
Gefühl der Fremdheit oder Unwirklichkeit der Umgebung und/oder normalerweise vertrauter Personen
  • Identitätsunsicherheit
subjektives Gefühl der Verwirrung, Unsicherheit und Konflikthaftigkeit in bezug auf die eigene Identität
  • Identitätswechsel
objektive Verhaltensweisen, die auf das Vorhandensein verschiedener Identitäten oder Ich-Zustände hindeuten, die deutlich über unterschiedliches Rollenverhalten hinausgehen

Kernstück des SCID-D sind fünf Hauptkapitel, in denen das Auftreten sowie der Schweregrad dieser Symptome systematisch erfasst wird. Jedes Hauptkapitel enthält mehrere allgemein gehaltenen Screeningfragen (Bspl: Kapitel Amnesie: "Haben Sie jemals das Gefühl gehabt, dass es größere Lücken in Ihrem Gedächtnis gibt?"). Werden diese positiv beantwortet, folgen jeweils spezifischere Fragen zur systematischen Abklärung der Symptomatik. Die Befragten werden gebeten, Beispielsituationen zu beschreiben, die Häufigkeit und Dauer der Episoden wird erfragt und es wird geprüft, ob und in welcher Art sich die Befragten durch die Symptome in sozialen Beziehungen und/oder ihrer Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt fühlen. Bei Bedarf können zusätzliche nicht vorgegebene Fragen in das Interview integrieren, um optimal auf die Besonderheiten des jeweiligen Einzelfalles eingehen zu können.

Neben den Hauptkapiteln gibt es insgesamt neun Ergänzungskapitel zur genaueren Erfassung von Symptomen von Identitätsunsicherheit und -wechseln. Besteht nach der Durchführung der fünf Hauptkapitel der Verdacht auf das Vorliegen einer komplexen Dissoziativen Störung, empfiehlt Steinberg (1994b), zusätzlich ein bis zwei dieser Ergänzungskapitel durchzuführen, um genauere Einblicke in das ggfs. vorhandene Persönlichkeitssystem zu gewinnen.

Nach Abschluss des Interviews füllt die DiagnostikerIn zusätzlich einen Fragebogen zum Auftreten von dissoziativen Reaktionen während des Interviews (z.B. Amnesien für vorherige Interviewfragen, widersprüchliche Antworten, auffällige Wechsel in Verhalten der PatientIn etc.).

Für die Auswertung wird zunächst für jedes Hauptsymptom auf einer Skala von "1 = liegt nicht vor" bis "4 = schwer" der Schweregrad der Symptomatik eingeschätzt. Der Gesamtscore ergibt sich aus der Summe der fünf Symptomscores.

Abschließend wird geprüft, ob die DSM-IV-Kriterien für eine Dissoziative Störung erfüllt sind und falls ja, um welche Störung es sich handelt.

Das SCID-D weist in der Original-Version und in den zahlreichen vorliegenden Übersetzungen sehr gute Test-Güte-Kriterien auf.

Seit 2000 liegt mit dem Strukturierten Klinischen Interview für DSM-IV Dissoziative Störungen (SKID-D; Gast et al., 2000) eine deutsche Übersetzung des SCID-D vor, die an der Abteilung Klinische Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover erstellt und validiert wurde. Auch die deutsche Übersetzung hat sich klinisch sehr gut bewährt und weist eine sehr gute Reliabilität und Validität auf (Rodewald, 2005).


Wichtige Veröffentlichungen

  • Steinberg, M. (2000). Advances in the clinical assessment of dissociation: The SCID-D-R. Bulletin of the Menninger Clinic, 64, 146-163.
  • Steinberg, M., Hall, P., Lareau, C. & Cicchetti, D. (2003). Diagnostik valider und vorgetäuschter Dis-soziation mit dem Strukturierten Klinischen Interview für Dissoziative Störungen (SCID-D-R) - Richtlinien für klinische und forensische Untersuchungen. In: L. Reddemann, A. Hofmann & U. Gast (Hrsg.); Psychotherapie der dissoziativen Störungen (S. 151 - 167). Stuttgart: Thieme Verlag.
  • Steinberg, M., Cicchetti, D., Buchanan, J. Hall, P. & Rounsaville, B. (1993). Clinical assessment of dissociative symptoms and disorders: The Structured Clinical Interview for DSM-IV Disso-ciative Disorders (SCID-D). Dissociation:-Progress-in-the-Dissociative-Disorders, 6, 3-15.
  • Rodewald, F. (2005). Diagnostik dissoziativer Störungen. Dissertation an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Bezugsquellen

  • Steinberg, M. (1994a). Structured Clinical Interview for DSM-IV-Dissociative Disorders - Revised (SCID-D). Washington, DC.: American Psychiatric Press.
  • Steinberg, M. (1994b). The interviewer's guide to the Structured Clinical Interview for DSM-IV-Dissociative Disorders - Revised. Washington, DC.: American Psychiatric Press.
  • Gast, U., Oswald, P., Zündorf, F. & Hofmann, A. (2000). Das Strukturierte Klinische Interview für DSM-IV-Dissoziative Störungen. Interview und Manual. Göttingen, Hogrefe.

Interview und Manual in der deutschen Übersetzung können über die Testzentrale des Hogrefe-Verlags bezogen werden.

   
 
 
 
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